Wer möchte denn bitte eine Runzlige Stockrose im Garten haben? Also verkaufen die Gärtner Alcea rugosa (lateinisch rugosus: runzlig, faltig) lieber als Gelbe Stockrose oder Russische Stockrose und haben damit nicht nur marketingtechnisch den besseren Coup gelandet, sondern auch noch recht: Diese Stockrose blüht gelb und kommt in der Ukraine sowie in Südwestrussland natürlich vor.
Ausdauernde Stockrose ist ein weiterer deutscher Name, der den Nagel auf den Kopf trifft: Im Gegensatz zu ihrer meist bloß zweijährigen Verwandtschaft, der Bauerngarten-Stockrose (Alcea rosea), ist Alcea rugosa zuverlässig mehrjährig, also staudig, wenn sie mäßig nährstoffreiche Erde (sparsam bis gar nicht düngen!) und durchlässigen Boden mit gutem Wasserabzug am Standort vorfindet, damit ihre Wurzeln vor allem im Winter nicht durch Staunässe faulen. Die Hauptwurzel der Gelben Stockrose ist nämlich eine lange, dicke Pfahlwurzel, weshalb es eingewachsenen Exemplaren auch gar nicht guttut, verpflanzt zu werden.
Mit dem mitteleuropäischen Klima (gibt es das überhaupt noch?) kommt die sommergrüne Russische Stockrose bestens zurecht, deshalb tingelt sie in Deutschland mittlerweile als unbeständiger Neophyt durch die Lande. Die für unsere Breiten inzwischen nicht mehr ungewöhnlichen Hitzeperioden steckt sie genauso weg wie lang andauernde Trockenheit (das kommt ihren tierischen Mitbewohnern sehr zupass). Und sie ist durch und durch winterhart, was Minusgrade und sogar Kahlfrost – Frost ohne schützende Schneedecke – anbelangt.
Die einzige Pflegemaßnahme, die dieser robuste Hüne braucht, ist der Rückschnitt der Blütentriebe, noch ehe sie völlig abgeblüht sind. Das ist zu verschmerzen. Im Hochsommer bis Spätsommer blüht sie ohnehin meist nur noch vereinzelt (sie blüht an den Blütenstängeln von unten nach oben), da sollte man sich zugunsten ihrer Langlebigkeit zu dieser Maßnahme durchringen können. Auf ihren sommerlichen Neuaustrieb hat dieser Rückschnitt übrigens keinen Einfluss. – Alcea rugosa treibt nach der ersten Blüten gern noch mal neu durch und überrascht mit einer niedrigeren zweiten Blüte.
Dank ihrer zurückhaltenden, unaufdringlichen Blütenfarbe fügt sich die Gelbe Stockrose in viele Staudengesellschaften ein und empfiehlt sich mit ihrem aufrechten, hohen Wuchs bis weit über zwei Meter als Leitstaude im Beet ebenso wie als Solitärpflanze. Besonders erfreulich: Ihre Triebe sind trotz der respektablen Höhe sehr windstabil und knicken nicht gleich bei der ersten Böe um. Erst andauernder stärkerer Wind bringt die Triebe mitunter am Stängelgrund aus der Fassung und sie geraten in Schieflage. Für solche Ausnahmefälle sollten hohe Pflanzenstützen griffbereit sein.
Alcea rugosa (Gelbe Stockrose) mit Hemerocallis (Taglilie)
Alcea rugosa (Gelbe Stockrose) mit Gaura lindheimeri (Prachtkerze)
Alcea rugosa lässt sich mit den unterschiedlichsten Pflanzen aus dem Staudenreich kombinieren, die wie sie ein eher trockenes Plätzchen in warmer, sonniger bis halbschattiger Lage bevorzugen. Die zartgelben, hellgelben oder leicht orange überhauchten großen Blüten der Stockrose geben dabei den Ton an, ohne der Nachbarschaft die Schau zu stehlen. Ein Arrangement mit pastelligen Blütenfarben wie dem Rosa von Malva alcea (Sigmarskraut) oder dem Rosa-Weiß der Gaura lindheimeri (Prachtkerze) zaubert einen romantisch-verspielten Aspekt in den Garten. Die Gesellschaft von weiß blühenden Pflanzpartnern sorgt für einen kühlen Touch, während kräftige, leuchtende Gelb- und Orangetöne wie zum Beispiel der Blüten von Heliopsis helianthoides (Sonnenauge) und Hemerocallis-Sorten (Taglilien) das blasse Gelb der Stockrose betonen. Grünliche, bräunliche oder ockerfarbene Blüten sowie Gräser bilden mit ihrem Wildstaudencharakter zusammen mit der Gelben Stockrose ein besonders natürliches Ensemble. Alcea rugosa und Digitalis ferruginea (Rostfarbiger Fingerhut) etwa passen prima zusammen.
Alcea rugosa (Gelbe Stockrose) mit Digitalis ferruginea (Rostfarbiger Fingerhut)
Ihrer ausgedehnten Blütezeit von Juni bis weit in den August, oft bis in den September hinein ist es geschuldet, dass die Russische Stockrose unterschiedliche Pflanzen um sich herum braucht, soll sie denn stets Blühpartner haben. Der Vorteil: So lassen sich im Lauf des Sommers wechselnde Gartenbilder schaffen. Der Nachteil der lang andauernden Blüte: Die Stockrose sät sich selbst aus, denn sie blüht und setzt Samen an, blüht und setzt Samen an … Wo diese Selbstaussaat unerwünscht ist, sollten die Samenstände rechtzeitig vor der Reife (sie werden dann braun) mit der Gartenschere ausgeknipst werden.
Alcea rugosa (Gelbe Stockrose) – Samenstand mit Feuerwanzen
Die Keimrate von Stockrosen-Samen ist im Garten allerdings oft nicht übermäßig hoch, dafür sorgen schon diverse Insekten, die die Samen aussaugen oder ihre Larven darin "großziehen": Feuerwanzen (Pyrrhocoris apterus), eine Palpenmotte (Pexicopia malvella) sowie zwei Spitzmausrüssler. Jungpflanzen fallen zudem gern den Schnecken zum Opfer (die alten Blätter hingegen werden verschmäht) und damit nimmt Alcea rugosa erst recht nicht überhand. Falls sie stören, können Sämlinge gut entfernt werden, indem man ihre Wurzeln ein Stück unterhalb der Erdoberfläche absticht oder mit der Gartenschere abzwickt. Ein paar Jungpflanzen sollten aber immer wieder mal stehen bleiben dürfen; sie geben dem Garten ein ganz neues Gesicht, wenn sie erwachsen sind, und das ist es ja, wovon er lebt: von Veränderung, ob absichtlich oder zufällig.
Alcea rugosa (Gelbe Stockrose) – aufgesprungene Samenkapsel
Die Gartengestaltung mittels Selbstaussaat der Natur zu überlassen, ist nicht jedermanns Sache. Wer Überraschungen nicht so sehr mag und gern selbst entscheidet, was wo wächst, sollte deshalb reife Samen von einer Alcea rugosa im Garten abnehmen und aussäen; vielleicht besser etwas mehr, denn mit bloßen Auge ist ein eventueller Larvenbefall kaum zu erkennen. Oder sich Saatgut im Handel besorgen (sehr frisch sollte es sein), denn Aussaat ist generell die beste Methode, um Stockrosen zu vermehren. Die Aussaat ist nicht schwierig, und wer Spaß an Pflanzenvermehrung hat, könnte sich daran versuchen. Auf diese Weise kommen Jungpflanzen dorthin, wo sie hinsollen.
So geht’s: Die Samen werden am besten gleich nach der Reife im Juli/August (bei Frühjahrssaat ab März/April) in Töpfchen oder Kistchen mit unkrautsamenfreier Erde gesät und dünn mit Erde abgedeckt. Das Aussaatgefäß bei ca. 20 °C ohne direkte Sonneneinstrahlung aufstellen und gleichmäßig feucht halten (nicht nass!). Eine Glasscheibe oder transparente Plastikfolie leistet gute Dienste, um darin die Feuchtigkeit besser und konstanter zu halten und die Luftfeuchtigkeit zu erhöhen.
Alcea rugosa (Gelbe Stockrose) – Austrieb
Alcea-rugosa-Samen keimen meist unterschiedlich schnell und nicht gleichzeitig, also nicht die Geduld verlieren! Keimlinge werden herauspikiert, sobald man sie (vorsichtig) greifen kann, und in Blumentöpfchen mit unkrautsamenfreier Erde gesetzt (leicht andrücken) – für einen sehr üppigen Wuchs gern zwei oder drei Pflänzchen zusammen. Ist nach vier bis sechs Wochen wenig oder nichts gekeimt, packt man das Aussaatgefäß in einer Plastiktüte für drei bis vier Wochen in den Kühlschrank (bei ca. 5 °C), anschließend wird es wieder bei etwa 20 °C aufgestellt. Nach wie vor gleichmäßig feucht halten und gekeimte Pflänzchen pikieren.
Nach ein paar Wochen (Gießen nicht vergessen!) sollten die Jungpflanzen groß und kräftig genug sein, um im Garten ausgepflanzt zu werden. Lange kann man sie wegen ihrer Pfahlwurzel jedenfalls nicht in den Blumentöpfen kultivieren. Eine gute Alternative zur Vorkultur in Töpfen in daher die Direktsaat im Garten. Dazu wird der Boden am vorgesehenen Platz tiefgründig gelockert und gegebenenfalls Unkraut entfernt (Wurzelunkräuter wie Quecken bei dieser Gelegenheit gleich so tief und vollständig wie möglich ausgraben). Der Stockrosensamen wird nach der Reife im Juli/August (bei Frühjahrssaat ab März/April) gleichmäßig verteilt (ca. 15-20 Samen pro m²) und ganz leicht mit einem Rechen eingeharkt, für Einzelpflanzen werden drei bis fünf Samen mittig auf die zu begrünende Stelle gelegt und leicht mit Erde bedeckt. Angießen und bis zum Auflaufen der Saat gleichmäßig feucht halten (Brauseaufsatz verwenden!). Bei Flächensaat die Pflanzen nach dem Keimen gegebenenfalls vereinzeln, falls sie zu dicht stehen (Abstand zwischen den Pflanzen ca. 40-50 cm). Stehen zwei oder drei Pflänzchen sehr eng beieinander, werden sie als eine Pflanze gezählt.
Alcea rugosa (Gelbe Stockrose) – Ackerhummel und Malven-Erdfloh
Die großen, ungefüllten Blütenschalen der Russischen Stockrose ziehen Insekten magisch an. Vornehmlich Hummeln und Honigbienen tummeln sich auf ihnen, um Nektar zu tanken und sich mit dem reichlich angebotenem Pollen einzudecken. Allerdings haben sich auch Insekten auf Stockrosen – nicht nur auf deren Blüten – spezialisiert, die den Pflanzen (bei Massenauftreten) einigermaßen zusetzen:
Falter wie die bereits erwähnte Palpenmotte Pexicopia malvella, deren Raupen in den Samen wohnen, der Ampfer-Wurzelbohrer (Triodia sylvina), ein Nachtfalter, dessen Raupen an den Wurzeln von Malven- und Ampfergewächsen fressen sowie der Malven-Dickkopffalter (Carcharodus alceae), der es sich im Raupenstadium in ausgesägten und umgeklappten Blattteilen bequem macht.
Alcea rugosa (Gelbe Stockrose) mit Malven-Erdfloh und Spitzmausrüssler
Spitzmausrüssler (Apionidae) sowie Malven-Erdflöhe (Podagrica) durchlöchern die Blätter (weniger, aber auch die Blüten) ihrer Wirtspflanzen (Malvengewächse allgemein) wie ein Sieb und deren Larven im Stängelmark bzw. in den Samen leben. Es ist eine Frage der persönlichen Einstellung, ob in solchen Fällen Insektizide zum Einsatz kommen oder nicht. Sicher hängt solch eine Entscheidung aber auch davon ab, wie stark der Befall ist. Bevor Sie aktiv werden, sollten Sie sich zunächst auf meinen Seiten zum Ärger im Garten ausführlicher über Malven-Erdfloh und Spitzmausrüssler informieren. Dasselbe gilt für den Malvenrost, einen leider häufigen Gast auf Stockrosen. Kleiner Trost: Alcea rugosa gilt als relativ resistent gegen Malvenrost.
Gut möglich, dass gar keine Spitzmausrüssler und Malven-Erdflöhe zu Gast sind. Oder nicht jedes Jahr. Oder nicht auf jeder Pflanze. Und dass auch die Falter in der freien Natur mehr und bessere Nahrungsquellen finden als in den Gärten. Der Malvenrost tritt ebenfalls nicht jedes Jahr und nicht immer in gleicher Intensität auf. Deshalb macht es keinen Sinn, rein vorsorglich auf die Gelbe Stockrose zu verzichten, denn eine so bescheidene, pflegeleichte und dazu beeindruckende Staude muss man suchen.
Alcea rugosa lässt kreativen Spielraum beim Gestalten des Gartens und passt sich vielen Gartensituationen an. In Cottage- oder Landhaus-Gärten ist sie mit ihrem natürlichen, leicht nostalgischen Charme fast schon ein Muss. Als "Bienenweide" sind Wildstaudenpflanzungen
Wildstaudenpflanzungen:
Pflanzungen, die unter Verwendung von einheimischen und nicht einheimischen Pflanzen – keine Züchtungen – weitgehend sich selbst überlassen werden; der Gärtner greift nur gelegentlich ordnend ein. Eine Wildstaudenpflanzung kann sich über den ganzen Garten erstrecken oder auf einzelne Bereiche beschränken.
ebenfalls perfekt für sie. Und in ganz "normalen" (Stauden-)
Wuchshöhe: | 150-250 cm |
Blütenfarbe: | hellgelb, zitronengelb, gelborange – variabel |
Blütezeit: | Juni, Juli, August, evtl. September |
Lichtverhältnisse: | sonnig-halbschattig |
Bodenverhältnisse: | trocken-frisch |
Verwendung: | |
Hinweis: | Rückschnitt der Blütentriebe vor dem endgültigen Abblühen |